Vorlesung

Einführung in qualitative und quantitative Forschungsmethoden

Samuel Merk

Heutige Sitzung

  • Probeklausur
    • Übersicht über Bedienung
    • Fragen
  • Qualitative Forschungsmethoden
    • Beispiel 2: »Die Arbeitslosen von Marienthal«
    • Typische Datenerhebungsmethoden
    • Typische Auswertungsmethoden

Probeklausur

Die Arbeitslosen von Marienthal

Die Arbeitslosen von Marienthal

Ziel der vorliegenden Untersuchung war mit den Mitteln moderner Erhebungsmethode ein Bild von der psychologischen Situation eines Arbeitslosen Ortes zu geben. Es waren uns von Anfang an zwei Aufgaben wichtig. Die inhaltliche: zum Problem der Arbeitslosigkeit Material beizutragen - und die methodische: zu versuchen, eine sozialpsychologischen Tatbestand umfassend objektiv darzustellen.” (Jahoda, Lazarsfeld, & Zeisel, 2021)

Erhebungsdesign

Quantitative Daten Qualitative Daten
Sekundäranalyse Bevölkerungsstatistik
Wahlstatistik
Beschwerden bei Behörden
Standardisierte
Daten
Haushaltsinventarlisten
Zeitverwendungsbögen
Dokumenten-
analyse
Bibliotheksbesuche
Zeitungsabonnements
Vereinsmitglieder
Tagebücher
Schulaufsätze
Preisausschreiben
(Teilnehmende)
Beobachtung
Messung der Gehgeschwindigkeit Kleidersammlung
Ärztesprechstunden
Erziehungsberatung
Turn- und Schnittzeichenkurse
Experten-
interviews
Lehrer, Pfarrer, Bürgermeister,
Ärzte, Geschäftsleute,
Vereinsfunktionäre
Narrative
Interviews
Arbeitslose

Ausgewählte zentrale Daten

Quantitative Daten aus Dokumentenanalyse

  • Anzahl der entliehenen Bücher sinkt von 1929 bis 1931 um knapp die Hälfte
  • Zahl der Mitglieder im Turn- bzw. Gesangsverein sinkt von 1927 bis 1931 um mehr als die Hälfte
  • Zahl der Abonnenten der „Arbeiterzeitung” sinkt von 1927 bis 1930 um 60 Prozent, die der Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei um ein Drittel

Ausgewählte zentrale Daten

Interviewtranskripte

“Immer wieder verschwinden Katzen. Die Katze von Herrn H. ist erst vor wenigen Tagen verschwunden. Katzenfleisch ist sehr gut. Auch Hunde werden gegessen. […] Erst vor wenigen Tagen bekam ein Mann von einem Bauern einen Hund geschenkt, unter der Bedingung, daß er ihn schmerzlos erschlägt.”

Gehgeschwindigkeit und Häufigkeit des Stehenbleibens auf Dorfstraße

Männer Frauen
3x und mehr 39 3
2x 7 2
1x 16 15
0x 6 12

Zentrales Ergebnis: Typologie

Die Resignierten (48%)
“Das gleichmütig erwartungslose Dahinleben, die Einstellung: man kann ja doch nichts gegen die Arbeitslosigkeit machen, dabei eine relativ ruhige Stimmung, sogar immer wieder auftauchende heitere Augenblicksfreude, verbunden mit dem Verzicht auf eine Zukunft, die nicht einmal mehr in der Phantasie als Plan eine Rolle spielt […]” (S. 70)

Die Ungebrochenen (16%) “Ihre Haushaltungsführung ist ebenso geordnet wie die der Resignierten, aber ihre Bedürfnisse sind weniger reduziert, ihr Horizont ist weiter, ihre Energie größer.” (S. 71)

Die Verzweifelten (11%) “Diese Menschen sind völlig verzweifelt, und nach dieser Grundstimmung erhielt die Verhaltensgruppe ihren Namen. Wie die Ungebrochenen und Resignierten halten auch sie in ihrem Haushalt noch Ordnung, pflegen auch sie ihre Kinder.” (S. 71)

Die Apathischen (2%) “Mit apathischer Indolenz läßt man den Dingen ihren Lauf, ohne den Versuch zu machen, etwas vor dem Verfall zu retten. […] Das Hauptkriterium für diese Haltung ist das energielose, tatenlose Zusehen. Wohnung und Kinder sind unsauber und ungepflegt, die Stimmung ist nicht verzweifelt, sondern indolent.” (S. 71f.)

Typische Datenerhebungsmethoden

Interviews

Typischerweise werden unterschieden:

  • Biografisch-narrative Interviews
  • Leitfadeninterviews
  • Expert:inneninterviews

Biografisch-narrative Interviews

  • Geringer Grad an Fremdstrukturierung (Merk & Epp, 2024)
  • Biograf:innen werden mittels einer sehr offenen und allgemeinen Erzählaufforderung zu einer Stehgreiferzählung ihrer Lebensgeschichte angeregt. Dabei intervenieren Forschende nicht, »bringen lediglich gesprächsaufrechterhaltene Rezeptionssignale (bspw. mhm) ein«
  • Nach der Haupterzählung können sowohl immanente wie exmanente Nachfragen gestellt werden.

Leitfadeninterviews

  • Wesentlich stärker strukturiert (Friebertshäuser, Langer, Prengel, Boller, & Richter, 2013), da sowohl Vorgaben für Gesprächssituation als auch für den Antworthorizont gemacht werden
  • Leitfäden werden auf der Basis bereits bestehender fundierter empirischer und theoretischer Erkenntnisse erstellt
  • Offenere Fragen werden zumeist zuerst gestellt

Expert:inneninterviews

  • Meist Spezialform des Leitfadeninterviews
  • Besonderheit in der Stichprobe

Gruppendiskussionen (Bohnsack, 2014)

  • Keine Interviewform, eher Moderationstechnik
  • Ziel ist es meist »kollektive Orientierungsrahmen« oder »konjunktives Wissen« zu manifestieren
  • Oft wird mit einem Diskussionsstimulus (These, Bild, Filmausschnitt) gearbeitet
  • Forschende Person leitet die Diskussion und hält den Diskurs aufrecht

Delphimethode (Häder & Häder, 2000)

  • Ursprünglich für die Vorhersage von Entwicklungen in Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik entwickelt
  • Zunächst offene Frage an mehrere voneinander unabhängige Experten (z.B. »Wie muss sich Lehrer:innenbildung angesicht generativer KI ändern?«)
  • Kategorisierung von Antworten. Alle Expert:innen lesen alle Antworten
  • Ergänzung der bisherigen offenen Antworten durch Expert:innen
  • Kategorisierung aller Antworten
  • Expert:innen bewerten Relevanz der Kategorien

Teilnehmende Beobachtung

  • »zielt darauf ab, soziale Situationen, Personen und Institutionen in ihren Alltagskontexten zu erforschen« (Merk & Epp, 2024)
  • Das angestrebte Ideal ist, als Forscher:in eine Situation »von innen heraus« zu erleben und an dieser teilzuhaben
  • Dabei wird die Distanz zum Feld bewusst temporär aufgegeben
  • Datenerhebung findet oftmals in Form von stark verdichteten Feldnotizen statt

Indirekte Beobachtung

  • Wenn es zu keinem Kontakt zwischen Forschenden und Merkmalsträgern kommt, spricht man von indirekter Beobachtung (z.B. Logdaten, Drohnenbilder)
  • Digitalisierung und Datafizierung fördern das Potential indirekter Beobachtungen
  • Oftmals ist die Forschungsethik problematisch

Typische Auswertungsmethoden

Typische Auswertungsmethoden

Einigkeit über Uneinigkeit:

Die Vielfalt qualitativer Auswertungsmethoden ist schier unüberschaubar und die meisten Autor:innen sind sich einig, dass wenig Einigkeit bzgl. deren Vor- und Nachteile sowie sogar der allgemein anzuwenden Gütekriterien herrscht (Strübing, Hirschauer, Ayaß, Krähnke, & Scheffer, 2018).

Grob können die Auswertungsmethoden jedoch nach

  • der angestrebt zu rekonstruierenden Sinnebene klassifiziert werden. Also in Rekonstruktionen
    • des subjektiven Sinns,
    • des sozialen Sinns und
    • des objektiven Sinns
  • sowie nach der Analyseeinheit in
    • in kategorienbasierte und
    • sequenzanalytische Verfahren

Inhaltsanalyse

  • Die Inhaltsanalyse ist ein klassisches und weit verbreitetes kategorienbasiertes qualitatives Datenanalyseverfahren
  • Ziel ist eine zusammenfassende inhaltliche Darstellung von textlichem Material (z.B. Interviewtranskipte)
  • Dazu werden Textstellen Kategorien zugeordnet
  • Diese Kategorien sind können
    • vor der Datenerhebung bereits gegeben sein (deduktive Inhaltsanalyse),
    • in den Kategorien identifiziert werden (induktive Inhaltsanalyse) oder
    • teilweise bereits vor der Datenerhebung gegeben sein aber während der Datenerhebung ergänzt werden (deduktiv-induktive Inhaltsanalyse)
  • Die verbreitetesten Verfahren sind die Inhaltsanalyse nach Mayring (Mayring, 2022) und Kuchartz (Kuckartz & Rädiker, 2022)
  • Diese Verfahren machen detaillierte Vorschläge zur praktischen Vorgehensweise

Vielleicht interessant:

In den seltenen Fällen, in denen empirisches Vorgehen im Rahmen der Qualifikationsarbeit Sinn macht, kommt bei einer Entscheidung zur qualitativen Methodik oftmals die qualitative Inhaltsanalyse zum Einsatz.

Grounded Theory (Strübing, 2008)

  • In der Grounded Theory findet Datenerhebung, Datenauswertung und Theoriebildung reziprok und wiederholt statt; jeder dieser Schritte kann also mehrfach durchgeführt werden und jedem der Schritt kann jeder andere folgen
  • Während der Analyse gesammelte theoretische Ideen werden der übder den gesamten Forschungsprozess als Memos festgehalten und dokumentieren so die sukzessive Theoretisierung.
  • Für die Auswahl der nach einem Theoretisierungsschritt als nächstes zu erhebende Daten werden typischerweise minimale oder maximale Kontrastierungen gewählt
  • In der Grounded Theory werden verschiedene Kodiertechniken eingesetzt (das offene Kodieren, das axiale Kodieren und das selektive Kodieren)
  • Die Grouded Theory stellt für viele Autoren eine Paradebeispiel abduktiven Arbeitens (“empirisch begründete Theoriebildung”) in den Sozialwissenschaften dar

Achtung:

Der Gesamtprozess ist so komplex, dass er sich nur in sehr seltenen Fällen für Qualifikationsarbeiten eignet

Literatur

Bohnsack, R. (2014). Rekonstruktive Sozialforschung: Einführung in qualitative Methoden (9., überarb. und erw. Aufl). Opladen Toronto: Budrich.
Friebertshäuser, B., Langer, A., Prengel, A., Boller, H., & Richter, S. (Eds.). (2013). Interviewformen und Interviewpraxis. In Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft (4., durchgesehene Auflage, pp. 437–455). Weinheim München Basel: Beltz Juventa.
Häder, M., & Häder, S. (2000). Die Delphi-Technik in den Sozialwissenschaften Methodische Forschungen und innovative Anwendungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Jahoda, M., Lazarsfeld, P. F., & Zeisel, H. (2021). Die Arbeitslosen von Marienthal: ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit: mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie (28. Auflage). Frankfurt am Main Leipzig: Suhrkamp Verlag.
Kuckartz, U., & Rädiker, S. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung: Grundlagentexte Methoden (5. Auflage). Weinheim Basel: Beltz Juventa.
Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (Neuausgabe). Weinheim: Julius Beltz GmbH & Co. KG.
Merk, S., & Epp, A. (2024). Daten erheben, auswerten und interpretieren. In M. Syring, T. Bohl, A. Gröschner, & A. Scheunpflug (Eds.), Studienbuch Bildungswissenschaften. Grundbegriffe klären und Forschungszugänge eröffnen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Strübing, J. (2008). Grounded Theory. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Strübing, J., Hirschauer, S., Ayaß, R., Krähnke, U., & Scheffer, T. (2018). Gütekriterien qualitativer Sozialforschung. Ein Diskussionsanstoß. Zeitschrift für Soziologie, 47(2), 83–100.